Heilpädagogische und therapeutische Förderung mit dem Pferd

Seit 1977 gibt es das Kuratorium für therapeutisches Reiten in Österreich, begonnen hat es allerdings zuerst mit der Hippotherapie, der physiotherapeutischen Behandlung auf dem Pferd. Seit 1986 gibt es die drei Sparten Hippotherapie, heilpädagogische und therapeutische Förderung mit dem Pferd Voltigieren (ehemalige Bezeichnung heilpädagogisches Voltigieren; Voltigieren deshalb, weil dabei unter anderem auch gymnastische Übungen am Pferd gemacht werden) und das integrative Reiten (ehemalige Bezeichnung: Behindertenreiten, eine sportliche Form des therapeutischen Reitens für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung), sowie die Ergotherapie mit dem Pferd. Voraussetzung für die Aufnahme in den zweijährigen Kurs ist ein Beruf im psychotherapeutischen, psychologischen, ergotherapeutischen, psychosozialen oder heilpädagogischen Kontext.

Die Definition dieser Therapie ist folgende:

„Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren ist eine geeignete und zielorientierte Fördermaßnahme für Menschen mit geistiger Behinderung und Sinnesbehinderung, Verhaltensauffälligkeiten, Teilleistungs- und Wahrnehmungsschwächen und bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Es wird sowohl vom Boden aus im Umgang mit dem Pferd als auch auf dem Pferd sitzend durchgeführt.“(Definition des Kuratoriums für therapeutisches Reiten, Wien, 2008)

Anmerkung: Die Definition „heilpädagogisches Reiten und Voltigieren“ wurde vom Kuratorium für therapeutisches Reiten in die aktuelle Bezeichnung „heilpädagogische und therapeutische Förderung mit dem Pferd“ umgeändert.

Positive Auswirkungen gibt es also vor allem in den Bereichen Wahrnehmung, Lernen, Befinden, Verhalten, Gleichgewicht und Motorik. Was aber wirkt an dieser Therapie? Die Quintessenz jeder wirksamen Therapie ist vor allem die Beziehung. In der Reittherapie wirkt sie über das Medium Pferd. Es ist unser Partner, unser Freund, unser Lehrer. Pferde sind genau wie wir Menschen soziale Wesen, deren Überleben abhängig ist von der Gruppe, die aber im Gegensatz zu uns vorurteilslos und wertfrei an andere herangehen. Pferde suchen von sich aus den Kontakt und kommunizieren in einer klaren, eindeutigen Sprache, der des Körpers. Sie reagieren auf feinste Signale und geben uns somit die Möglichkeit, unsere eigenen Gefühle zu spüren und sie zu verstehen. Sie wirken mit ihren Reaktionen oft als „Dolmetscher“ für mich, wenn ein Kind seine Ängste und Nöte nicht auszusprechen vermag. Der jeweiligen Lebenssituation entsprechend werden auch die verschiedenen Gangarten des Pferdes gewählt. Der Schritt in seiner vierdimensionalen Bewegung ist am nächsten dem menschlichen Gehen, das macht diese Bewegung gerade für die Hippotherapie (körperliche Einschränkungen) so wertvoll. Der Trab als klarer Zweitakt in seiner schwungvollen Bewegung belebt und beschwingt, im Galopp, dem Dreitakt, in dem sich das Pferd in einem Sprung vom Boden löst, kann der Getragene intensiv seine eigene emotionale Befindlichkeit erleben. Auch die verschiedenen gymnastischen Übungen (wie z.B. Knien, Stehen, Seitsitz, Liegen am Pferd, usw.) können nach ihrer Wirksamkeit genützt werden, denn unterschiedlichen Körperhaltungen liegen unterschiedliche Gefühlsqualitäten zugrunde.

Das Pferd ist als Reittier mit dem Menschen schon lange verbunden, in der Therapie nützen wir die Erfahrung des „Getragenwerdens“, die Halt und Sicherheit gibt, den Menschen erdet und zu sich selbst finden lässt, denn Pferde bringen uns in Kontakt mit unserem eigenen Wesen, mit unserm tiefen Kernselbst. Es reagiert auf Stimmung und Gefühle, die uns nicht einmal bewusst sein müssen, es erfragt unsere Grenzen und unseren Selbstwert. Bei uns am Hof sind zwei Therapiepferde mit unterschiedlichen Qualitäten zu Hause. Denn kein Pferd gleicht dem anderen, jedes ist aufgrund von Veranlagung und Lebenserfahrung für unterschiedliche Bereiche des therapeutischen Reitens einsetzbar, jedes spricht aufgrund von Gesichtsausdruck, Farbe, Verhalten, unterschiedliche Bedürfnisse im Menschen an. Ein besonders wichtiger Aspekt gerade in unserer schnelllebigen, reizüberfluteten Welt, unter der oft besonders die Kinder leiden, ist die Möglichkeit, soziale Kompetenzen zu entwickeln, Rücksichtnahme und Verantwortungsgefühl zu erleben und zu lernen. Sie können im Hier und Jetzt ankommen und diesen Zustand, der vielen fremd geworden ist durch allzu viele Medien, Fernsehen und Computerspiele, einfach genießen.